Fast Food Musik aus der Retorte

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Fragt man einen Plattenhändler nach seinen Absatzzahlen bekommt er sehr wahrscheinlich eine Wehmutsträne im Auge. “Alles ist schlechter geworden”, wird er sagen, denn mit dem Internet kamen auch Onlineverkäufer im Musikmarkt, vorerst physisch für CD und LP, und räumten den Markt durch 24/7 Shopping von zu Hause aus und einem schirr endlos scheinenden Repertoire an Tonträgern.
Inzwischen hat sich der Markt noch weiter aufgeräumt. Physische Tonträger fallen in Vergessenheit und der Onlinehandel mit digitaler Musik boomt inzwischen sogar im kommerziellen Bereich.

Vergessen scheint die Zeit, in der man im Plattenladen nach „der Platte“ suchte, die einem den Tag rettete, oder die man im Radio oder TV hörte, aber der Interpret sich als unaufspürbar herausstellte und durch den Fund des Stückes ein innerer Aufschrei der Freude sich breit trat.
Der Charme eines Plattenladens, der nicht kompletten und fortwährend wachsenden Verfügbarkeit aller Musikstücke, ist verloren. Der Geruch von gebrauchten Vinyls wird nur noch den alternden Ü30-Säcken mit ihrer heimischen Sammlung vorbehalten sein. Das Erfahren und Kennenlernen von Musik, durch Vor-Ort-Recherche und Freunde ist weites gehend eingeschläfert.

Die Nostalgie eines Trägers von Musik wird auch nicht weiter durch den beeinflusst, der in den meisten Musikgenres Pionierarbeit leistete, dem DJ. Dieser ist heutzutage noch digitaler unterwegs als seine medial verseuchten Jünger, wenn auch manche dieser Zunft den Vorsprung durch Technik nutzen, um ihrem Auftritt eine Portion mehr Glanz zu verleihen. Trotz dessen ist das Deejayen als solches eher ein Akt des Publizierens von vorgegeben Tönen.
Der kommerzielle Markt wagt keinen wirklichen Vorsprung mehr in Subkulturen und zeigt seine Verweigerung gegenüber dieser im Abschalten von Sendern, MTV2 und Viva Plus, oder schläfert gleich den Vertrieb ganzer Genres ein, was im elektronischen Bereich durch den Boom von schwer zu identifizierender Black-Music zu beobachten war.

Diese Verweigerung potenziert sich durch die Flut an unerfahrenen DJs, die sich ihren Katalog an Tracks, Medien geprägt wie sie sind, aus dem umfangreichen Sortiment der sogenannten Majors besorgen und sich leider nicht fragen, was im Independent-Bereich geht.

Resultat ist das vorstädtische Wachsen von Tanztempeln, die dem halbwüchsigen Menschen eine heile Welt in buntem Licht und gleichen Tönen präsentiert und der gereifte Plattennarr im Club auf der Meile sich fragt, wie diese Welt für ihn funktioniert hätte, wenn er nicht glücklicher Weise den Vorsprung durch Individualität erfahren hätte.

Letzt endlich bleibt abzuwarten, ob nicht auch das junge Volk irgendwann die Platte, mit Cover und Artwork, eines Indie-Künstlers besser finden wird, als die tote Sammlung digitaler Spuren auf einem Speicher, der heutzutage als Musiksammlung verschrien wird? Wird die Schallplatte der Ford Mustang unter den Tonträgern? Das alte, stinkende Etwas mit Charme, das nicht überall zu finden sein wird, und wenn, denn nur teuer und durch besondere Kontakte?

Wünschenswert wäre es für weite Teile der Musikliebhaber und der Clubkultur…

Comment (1)

  1. phunk wrote::

    Hach ja die guten alten Zeiten..

    Mir fehlt das rumstöbern und “haben wollen” Gefühl auch bei Beatport und Co.
    Andererseits ist die Verfügbarkeit von musik heutzutage genial.
    Mann kann es also drehen und wenden wie mann will.
    Jedoch glaube ich, das die gute alte Platte zumindest für Sammler überleben wird.
    Für den DJ ist sie meiner Meinung nach tot…

    Dienstag, April 22, 2008 at 13:49 #